Calligraffit ist ein Wortmix aus Calligraphy und Graffiti. Dabei werden meistens die Formen der vergangenen Breitfedern genutzt, um mit neuen Werkzeugen wie Markern individuelle Schriftzüge zu erstellen. Hierfür nutzen die Schreiber*- innen gern die spielerischen Formen der gebrochenen Schriften (siehe
Textura und Fraktur).



Graffiti zeigen Schriftzüge oder Zeichnungen und werden i.d.R. vorgezeichnet undgesprayt,Stencils zudem geschnitten Tags i.d.R. geschrieben. Sehr spannend daran ist die experimentelle Arbeit mit den Zeichen­formen. Was wir heute Graffiti nennen, stammt wahrscheinlich von den mexikanischen Straßengangs, die ihre Reviere mit Namen u. Ä. versahen.






In der Luststadt der Römer Pompeii finden sich viele schöne Beispiele persönlicher Nachrichten auf Wänden, wie »Brutus ist ein Hund«. Meistens wie oben geschrieben in der Capitalis Rustica. Diese werden in der Einzahl als Graffito bezeichnet, sind also der römische Vorgänger des Graffiti !


Die Fraktur (hier etwa Mitte 16.Jh.) diente in der Gotik und der Renaissance vor allem dem kanzleiischen Schrift­verkehr. Besonders in Deutschland, England und den Niederlanden wurde sie lange geschrieben und von Schreibmeistern (wie Neudörffer) weiterentwickelt. Heute lässt sich vielseitig mit ihrer ausgefeilten Schreibweise experimentieren.





Die Textura (hier etwa Anfang des 14.Jh.) eignet sich besonders für kalligrafische Experimente und stilistische Schriftentwicklung. Früher wurde sie für wichtige Bücher wie die Bibel verwendet. Heute wird sie wegen ihrer spielerischen Elemente gern im Calligraffiti genutzt.






Die römische Capitalis Monumentalis und die Capitalis Quadrata (oben) zeigten schon vor etwa zweitausend Jahren unsere 
heutigen Großbuch­staben in äußerst harmonischen Formen, basierend auf den drei Grundformen: Kreis, Quadrat und Dreieck. Der Pinsel wurde häufig an der Grund­linie waagerecht gedreht und ergibt so ein stabiles Füßchen: Die Serife.




Für eine schöne, individuelle Handschrift kann von Körperhaltung bis menschliche Charakteristika alles ausschlaggebend sein. 
Sie kann deshalb als genauso individuell beschrieben werden wie die DNA — deshalb ist auch die Unterschrift seit Jahrhunderten gesetzlich bindend! Die humanistische Kursive bringt als Vorlage eine schöne, flüssige Handschrift hervor (wie bei Fairbank).





Der heutige Begriff Copperplate bedeutet Kupferplatte und will die im Kupferstich reproduzierten Schriften des Barock und Klassizismus bezeichnen (ca. 16. bis Anfang 19.Jh.). Die europäischen Schreibmeister dieser Zeit (wie Bickham) entwarfen mithilfe der Spitzfeder sehr schnörkelige und pompöse Schriften. Decoration, honey!





Die humanistische Kursive (hier etwa Mitte 15.Jh.) dient auch heute noch als Grundlage für eine schöne Handschrift. Vor allem die humastischen Schreibmeister (wie Arrighi ) zwischen etwa dem 15. und 19.Jh. entwarfen ganz einfache bis krass ornamentale Kursiven — passend zu den gestalterischen Formen ihrer Zeit.



Lettering kann man ins Deutsche schlicht mit Schildermalerei übersetzen. Im Brush­lettering wird mit einem Pinsel oder Brushpen schwungvoll geschrieben. Im Handlettering wird ein Schriftstück gezeichnet (nicht geschrieben). Beide Varianten lassen sich zwar einfach herstellen, setzen aber für eine wirklich qualitative Umsetzung das Studium der vergangenen Schriften voraus.






Buch- und Textschriften verwenden wir heute digital in verschiedenen Design-Programmen, weshalb sie auch Digital-Fonts heißen (wie oben die Swift von Unger). Die ersten Buchschriften kamen mit dem Buchdruck um 1450 in Deutschland auf. Bis zum Ende des 19. Jh. wurden hauptsächlich die Textura und die Antiqua als Buch-Stabe, Letter bzw. Type in Blei gegossen, gesetzt und gedruckt.





Die humanistische Antiqua (etwa Mitte 15.Jh.) diente als Grundlage für eine schöne Handschrift. Sie wurde über Jahrzehnte in den humanistisch geprägten Ländern für wichtige Bücher genutzt. Sie zeigte bereits vor etwa 500 Jahren die Basis-Schreibweise für unsere heutigen Buch- und Textschriften.








Kalligrafie steht meist für viele, häufig historische Varianten vom Schreiben mit der Feder. Die heutigen Schreiber und Schreiberinnen von historischen Breitfeder- und Spitzfederschriften sowie eigenen Varianten kultivieren das handschriftliche Schreiben auf beeindruckende Weise neu.


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Mark
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